Lesen lernen im Busch
- jochengaiser3
- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen

Ein Schulweg von 14 Stunden pro Tag, ein selbstgebautes Klassenzimmer und ein grosser Traum: die Bibel selbst lesen zu können. Für Jeislin aus dem abgelegenen Lamarital öffneten diese zwei Jahre Schule ein Tor zu Bildung und neuen Möglichkeiten – eine Chance, die ihr Leben für immer verändern sollte. Heute arbeitet Jeislin in Lae; Dora hat sie im September 2025 interviewt.
Ein Traum vom Lesen
Dora: Jeislin, ich freue mich, dass du bei uns arbeitest. Ich sehe, dass du oft in der Bibel liest und bin beeindruckt, wie du in der Sonntagschule die Kinder motivieren kannst. Du hast mir gesagt, dass du nur zwei Jahre Schulbildung hast. Erzähle, wie es dazu gekommen ist.
Jeislin: Unser Dorf liegt im Piora-Gebiet im Lamarital. Es war mir nicht möglich, die nächstgelegene Schule zu besuchen. Das hätte jeden Tag hin und zurück einen Marsch von ca. 14 Stunden bedeutet. Deshalb war ich überglücklich, als sich ein Lehrer bei unserem Dorfchef meldete und eine Schule eröffnen wollte.

Dora: Was musste da zuerst besprochen werden?
Jeislin: Der Lehrer war zwar aus einem anderen Stamm, aber er sprach unsere Tairora-Sprache und lebte weiter vorne im Tal. Er brachte klar zum Ausdruck, dass er kein Feind sei und nur friedliche Absichten hatte. Er wollte uns das Lesen und Schreiben in der Pidgin-Sprache beibringen.
Dora: Ich habe gehört, dass die Schule nach einiger Zeit wegen finanziellen Schwierigkeiten schliessen musste und seither nicht mehr eröffnet wurde. Du hattest also damals ein winziges Zeitfenster in deinem Leben, wo du zur Schule gehen konntest. Sicher hast du dich gefreut.
Jeislin: Ja, schon als Kind war mein grösster Wunsch, die Bibel lesen zu können. Aber in Pidgin war ich noch nicht sattelfest, da wir zuhause nur in meiner Muttersprache Tairora kommunizierten. Ich war begeistert, zur Schule zu gehen, aber hatte auch ein wenig Angst.
Mit vereinten Kräften
Dora: Was musste zuerst bereitgestellt werden?
Jeislin: Ich erinnere mich, dass jede Familie praktisch Hand anlegen musste, um das Schulhaus zu bauen. Einige mussten mit dem Buschmesser Holzpfähle im Urwald schlagen und ins Dorf tragen, andere flochten Bambuswände. Andere zupften langes Kunaigras an den Berghängen, das dann fürs Dach zu faustdicken Bündeln verarbeitet wurde. Einige Männer und Frauen ebneten den Boden mit Pickel und Schaufel aus und schlugen die tragenden Holzpfähle direkt in den Boden ein.

Dora: Wie war es mit dem Schulmaterial?
Jeislin: Der Lehrer hat jedem Kind ein Heft und einen Bleistift mitgebracht. Auch eine Tafel wurde montiert. Der Lehrer besass einen Spitzer und einen Radiergummi, aber er hütete diese Schätze in seiner eigenen Tasche und half uns nur im äussersten Notfall damit aus. Ich wusste nicht, wo ich einen eigenen Radiergummi besorgen konnte, aber irgendwo hatte ich ein Gummiband gefunden, das dann als mein Radiergummi diente. Alles bewahrte ich stolz und glücklich in meinem kleinen Bilum (geknüpfte Tasche) auf.
Dora: War der Kurs gratis?
Jeislin: Nein, nein. Der Lehrer machte von Anfang an klar, dass nur diejenigen, die das Schulgeld bezahlt hatten, auch mitmachen durften. Mein Vater hatte Monate vorher begonnen, das Geld vom Verkauf seiner frisch getrockneten Kaffeebohnen zu sparen.
Dora: Kannst du dich noch an den ersten Schultag erinnern?
Jeislin: Der Lehrer hat die Glocke geschlagen und wir versammelten uns im Schneidersitz im neu erstellten Schulhaus. Singen, Beten, Bibel lesen und einen Bibelvers auswendig lernen war jeden Tag von Montag bis Freitag auf dem Programm. Wir lernten das ABC und später das Lesen und ein wenig Rechnen, aber einige fanden die Schule mit der Zeit zu anstrengend. Sie schwänzten, weil sie keinen Elan mehr hatten, und auch weil sie Hunger hatten und sich etwas zu essen suchen mussten. Manchmal regnete es, und da war es für sie einfach gemütlicher, zuhause neben dem Feuer zu hocken, als sich auf den Schulweg zu machen.

Dora: Was war der Grund, dass du diese zwei Jahre durchgehalten hast?
Jeislin: Mutter hat uns am Morgen das Essen immer mitgegeben - Süsskartoffeln, Gurken, manchmal Bananen. Und mein Vater sagte, «Wenn ich schon das Schulgeld bezahle, dann wird auf keinen Fall geschwänzt!» Mir kam es auch nicht in den Sinn, da ich ein wichtiges Ziel verfolgte. Ich wollte unter allen Umständen lesen und schreiben lernen.

Bildung öffnet Türen
Dora: Welche Möglichkeiten eröffneten sich dir, als du lesen und schreiben konntest?
Jeislin: Ich hatte in diesen zwei Jahren genug gelernt, dass ich die Bibel selbst lesen konnte. Ich entschied mich für ein Leben mit Jesus anlässlich einer Evangelisation in unserem Dorf. Das hat mein Leben total verändert. Einige Jahre später wurde ich in einer Haushaltungsschule aufgenommen und bis heute lerne ich immer wieder Neues dazu.
Dora: Was liegt dir besonders am Herzen?
Jeislin: Wenn ich zurückschaue, bin ich sehr dankbar für alles, was ich lernen durfte. Ich möchte, dass noch viele aus meinem Dorf, die nicht lesen können, auch diese Chance haben, und dass sie nicht nur auf sich selbst angewiesen sind, sondern auch Unterstützung bekommen. Ich wünsche mir sehr, auch noch Englisch zu lernen. Vielleicht lerne ich auch noch eine andere Sprache. Und vor allem habe ich Jesus kennengelernt und bin mit ihm unterwegs. Das ist überhaupt das Grösste für mich.
Dora: Herzlichen Dank, Jeislin, für deine spannenden Ausführungen. Ich wünsche dir weiterhin viele neue Entdeckungen durch das Lesen und Schreiben.




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