top of page

Ein Tag wie jeder andere

  • jochengaiser3
  • 1. Jan. 2026
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 2. Jan.

Das gibt es in Bimbilla, im muslimisch geprägten Norden Ghanas eigentlich nicht. Jeder Tag ist anders. Nur etwas ist jeden Tag gleich und das ist eine halbe Stunde gemeinsames Gebet von halb acht bis acht Uhr morgens. Sich daran erinnern, warum wir da sind und für die Menschen, mit denen wir unterwegs sind, beten. Wir sind da wegen Gott. Wir sind da, um den Menschen zu dienen und, wie es jemand so schön ausgedrückt hat, ihnen Jesus lieb zu machen. 

Meistens wusste ich erst nach dem Gebet, was anstand. Nur dienstags und donnerstags war klar, dass das Health Promotion Programm HPP geöffnet war. Vieles war anders als in der Schweiz, wie zum Beispiel das "Wartezimmer". Bevor das neue Gebäude fertig war, sassen alle Patienten und die Mütter der unterernährten Kinder im Hut (Gebäude wie ein Pavillon) zusammen. Heute sitzen sie auch draussen, aber nun unter dem Vordach des neuen Gebäudes. Während dem Warten, halfen sie mit beim Verarbeiten von Heilpflanzen. Dawadawa öffnen war eine grosse Aufgabe zu der Zeit. Dawadawa wächst am Baum hängend, hat eine harte, trockene Schale und im Inneren trockenes gelbes "Fruchtfleisch" und Kerne. Die Kerne werden gemörsert als Blutdruckmedikament verwendet und das Gelbe als Vitaminzusatz für die unterernährten Kinder. Manchmal blieben die Mütter nach dem Besuch noch etwas länger und halfen weiter. Jeder redete mit jedem, egal ob man sich gut kannte oder nicht. 


 

Dort draussen stand auch die Waage für die Kinder zwischen 2 Wochen und ca. 2 Jahre, an der ich sehr viele Kinder wog. Viele Kinder sind untergewichtig und mangelernährt, weil Nahrungsmittelknappheit und finanzielle Nöte in vielen Familien ein Problem sind. Besonders im Ramadan, im Fastenmonat der Muslime, wenn von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts gegessen und getrunken wird, spitzt sich die Situation zu. Die Kinder bekommen dann oft nur das gewärmte Essen, das vor Sonnenaufgang gekocht wurde, das manchmal nicht mehr gut ist. Da ist auch Aufklärungsarbeit ein wichtiger Teil. Genauso wie beim Behandeln von Patienten. Vielen Patienten mit Bluthochdruck erklären wir, dass sie nicht die fixfertigen Gewürzmischungen vom Markt verwenden sollten, die viel Salz und E-Stoffe enthalten, sondern ihr Essen besser mit Ingwer, Knoblauch, Zwiebeln und Chili würzen sollten. Mit den einheimischen Frauen sprach ich oft nur mit Händen und Füssen oder mithilfe einer Übersetzerin. Nur die Begrüssungen, etwas vom Wichtigsten, hatte ich gelernt. In der Schule lernen zwar die Kinder als erstes Englisch, weil der Unterricht auf Englisch stattfindet, aber nicht alle Leute waren überhaupt oder lange genug in der Schule. 


  

Copi, Tschude, Tschungo

Meine drei ersten Wörter in der Sprache der Fulani :) Es bedeutet Knie, Hände, Hand. Diese drei Worte brauchte ich, um das Klatschspiel zu machen mit den Kindern. Eigentlich besuchten wir nur die Hausangestellte bei ihrem Haus, aber die Kinder wollten mit mir spielen. Das Einzige, was mir in den Sinn kam, war dieses Klatschspiel. Sie hatten eine riesige Freude an mir. Als ich diesen Sommer wieder dort war, zwei Jahre später, erinnerte sich ein Junge an mich und er wusste noch genau wie das Spiel funktionierte. Da ist das Foto auf dem Kalender entstanden. 

 

 

Wo sind die Fulani?

Irgendwo sind sie. Am Rande der Dörfer und der Gesellschaft. Die Fulani. Ein Nomadenvolk, das mit Kuhherden durch ganz Westafrika zog, hier und da sesshaft wurde oder wieder weiterzog. Da Gunda damals selbst neu in Bimbilla in Ghana war, wusste auch sie nicht genau, wo sie sind. Mit den uralten Dreigang-Damenfahrrädern fuhren wir über Stock und Stein und suchten in der ganzen Umgebung nach Fulani. 

 

 

Wo wir auch hin kamen, grüssten wir mit «A salam aleikum». «Wa aleikum salam» bekamen wir zur Antwort, wenn jemand da war. Das bedeutet übersetzt: Friede sei mit dir. Wir versuchten zu erfassen ob die Kinder in die Schule gehen, weil Bildung Türen öffnet. Für uns zu ihnen und für sie in ein anderes Leben als das ihrer Eltern und Grosseltern. Gunda spricht die Sprache der Fulani aus Gambia. Die Fulani in Ghana sprechen einen anderen Dialekt, darum verstanden sie sich nicht immer ganz, aber viel besser als ich mit meinem copi, tschude, tschungo. In diesen Momenten fragte ich mich manchmal ein Bisschen, was ich hier mache, weil ich nichts «tun» konnte. Aber als Volontär muss man nicht immer etwas «tun». Es reicht, wenn man da ist, so dass Gunda nicht allein unterwegs sein muss. Manchmal dient man als Volontär den Langzeitmitarbeitern und dadurch der lokalen Bevölkerung. Und gleichzeitig lernte ich sehr viel durchs Beobachten. Seit einiger Zeit werden Fulanikinder aus der Nachbarschaft auf unserem Gelände unterrichtet. Manche der Familien leben immer noch nomadisch, andere können sich die Schulgebühren nicht leisten, darum besuchen viele Fulanikinder keine Schule. Durch das Unterrichten, das Dienen an den Fulanikindern wächst vertrauen und Beziehungen auch zu den Familien, die immer wieder besucht werden. Und immer wieder kommen nun auch die Fulanikinder zu den Kinderprogrammen am Freitagnachmittag, in denen biblische Geschichten erzählt werden und die Kinder spielen können. 

 

Fulaniunterricht
Fulaniunterricht
Was bleibt

Das sind manchmal sichtbare Dinge wie die neue Beschriftung der Gefässe im HPP oder wenn man auf der Baustelle mitgearbeitet hat. Aber viel öfter sind es unsichtbare Dinge, Spuren in den Herzen der Menschen, denen ich begegnet bin und auch in meinem eigenen Herzen. Ich kann, ohne zu übertreiben sagen, dass diese Einsätze mein Leben verändert haben. Jeder einzelne. Das erste Mal hat Gott seine Liebe ausgegossen in mein Herz für diese Menschen und Mission gross hineingeschrieben. Das zweite Mal kam ich mit einer unglaublichen Freude zurück, die ich auch hier in der Schweiz teilen konnte. Beim dritten Mal letzten Sommer war es fast wie ein nach Hause kommen. Wieder Mittendrin, mit den Einheimischen unterwegs und sehr viel gelernt übers Leben und Arbeiten in einer anderen Kultur. Was bleibt sind unvergessliche Erinnerungen, eine Liebe zu den Menschen und eine Vorfreude auf all das, was Gott noch vorhat.


Michèle Rüfenacht

 
 
 

Kommentare


00_TITELBILD_edited.jpg
“Das Gebet ist die Beste Unterstützung, die die Heimatgemeinde leisten kann.”

Beat Matzinger, Missionar

bottom of page